Fossile Dominanz: Die ungeschminkte Wahrheit der Energiewende. Blog#288
Wer die deutsche Energiewende verstehen will, muss zuerst einen systematischen Fehler in der öffentlichen Debatte korrigieren: die Verwechslung von Strom und Energie. Wenn in den Nachrichten von "über 55 Prozent Erneuerbaren" die Rede ist, ist das korrekt – bezieht sich aber nur auf die Steckdose. Die Realität des gesamten deutschen Energieverbrauchs sieht anders aus.
Die wahren Zahlen: Fossile Dominanz
Der gesamte Primärenergieverbrauch Deutschlands (Strom, Heizen, Industrie, Verkehr) lag 2025 laut dem "Grimm-Gutachten" bei rund 2.818 Terawattstunden (TWh). Strom macht davon nur einen Bruchteil aus – in 2025 lag der gesamte Stromverbrauch in Deutschland bei 526 TWh.
Der reale Energiemix (Primärenergie) sieht laut den im Gutachten verwendeten Daten so aus:
- Fossile Energieträger (Öl, Gas, Kohle): ca. 76,5 %
- Erneuerbare Energien: ca. 21,5 %
- Sonstige: ca. 2,0 %
Wir decken also derzeit etwa ein Fünftel unseres gesamten Energiebedarfs erneuerbar ab. Das ist ein kontinuierlicher Fortschritt (2019 waren es noch 15,8 %), aber weit entfernt von der Illusion, wir seien fast am Ziel.
Info-Box: Was ist eigentlich eine Terawattstunde (TWh)?Eine TWh entspricht exakt einer Milliarde Kilowattstunden (kWh). Zur Einordnung: Mit nur 1 TWh lässt sich der Strombedarf einer Großstadt wie Frankfurt am Main (ca. 300.000 Haushalte) ein ganzes Jahr lang decken. Bei Deutschlands Gesamtbedarf von 2.818 TWh sprechen wir also von gigantischen 2.818 Milliarden Kilowattstunden.
Der Mythos der "100 Prozent"
Oft entsteht der Eindruck, erneuerbare Energien würden das Land bereits fast komplett versorgen und Gaskraftwerke bräuchte man nur noch selten. Das Gutachten verdeutlicht, warum das falsch ist.
- Strom ist nur ein Bruchteil des Bedarfs: Selbst wenn wir den Stromsektor rechnerisch zu 100 % und rund um die Uhr aus erneuerbaren Quellen decken würden, wäre damit nur ein kleiner Teil des Problems gelöst. Der Stromverbrauch macht mit 526 TWh nur einen Bruchteil der 2.818 TWh Primärenergie aus, die Deutschland 2025 insgesamt verbraucht hat – der Rest entfällt auf Wärme, Verkehr und industrielle Prozesse, die überwiegend fossil laufen. Eine vollständig grüne Steckdose wäre also ein wichtiger Baustein, aber bei Weitem nicht die gelöste Energiewende.
- Der blinde Fleck bei Wärme und Verkehr: Während der Stromsektor mit einem Jahresdurchschnitt von 55,1 % erneuerbarem Anteil – an Spitzentagen auch 100 % oder mehr – gut vorankommt, hinken andere Bereiche massiv hinterher. Beim Wärmesektor liegt der erneuerbare Anteil bei nur 19,0 %, beim Verkehr bei mageren 8,0 %.
- Durchschnitt vs. Realität: 55 % erneuerbarer Strom ist ein Jahresdurchschnitt. Dunkelflauten sind in Deutschland kein seltenes Randphänomen, sondern treten mehrfach pro Jahr teils über Wochen auf. In dieser Zeit müssen konventionelle Kraftwerke die Last fast komplett tragen.
- Fehlende Speicher: Da Batteriespeicher nur Stunden und keine Wochen überbrücken können, sind Gaskraftwerke kein bloßes Notfall-Backup, sondern eine notwendige Säule der Versorgungssicherheit, solange keine Langzeitspeicher in relevantem Umfang verfügbar sind.
Die Energielücke der Zukunft
Wie groß die Herausforderung wirklich ist, rechnen Grimm und ihre Kollegen vor. Sie benennen dabei zentrale Konstruktionsfehler der aktuellen Strategie.
Die Effizienz-Illusion: Das Energieeffizienzgesetz setzt für 2030 einen Primärenergieverbrauch von 2.252 TWh als Ziel – gegenüber 2.818 TWh im Jahr 2025 müsste Deutschland also nochmals rund 566 TWh beziehungsweise 20 % einsparen. Beim bisherigen Trend (rund 1,9 % jährliche Verbesserung der Energieintensität) wird dieses Ziel verfehlt; nötig wären laut Gutachten etwa 3,4 % pro Jahr, also fast eine Verdopplung des Tempos.
Die verbleibende Lücke: Für 2030 unterstellt das Gutachten einen erneuerbaren Beitrag von rund 800 TWh am Primärenergieverbrauch. Selbst wenn dieser Wert erreicht wird, bliebe rechnerisch eine große Differenz zum gesamten Energiebedarf. Die Autoren betonen dabei ausdrücklich, dass eine simple Differenzrechnung den tatsächlichen zusätzlichen Bedarf überschätzt: Elektrifizierung vermeidet bei Wärmepumpen und Elektromotoren die Umwandlungsverluste fossiler Energieträger. Eine Wärmepumpe liefert aus 1 kWh Strom mehrere kWh Wärme, ein Elektroauto benötigt für dieselbe Fahrleistung deutlich weniger Endenergie als ein Verbrenner. Die Lücke ist also real, aber kleiner als eine naive Subtraktion nahelegt.
Die Gas-Abhängigkeit und hohe Kosten bleiben: Diese Lücke muss übergangsweise durch Importe gedeckt werden, vor allem durch Erdgas, zunehmend als LNG. Europas Gasversorgung bleibt damit strukturell abhängig vom globalen LNG-Markt, auf dem sich seit dem Wegfall russischer Pipeline-Importe auch neue Lieferanten wie die USA und Norwegen positionieren. Der damit einhergehende parallele Aus- und Umbau von LNG-, Strom- und künftiger Wasserstoff-Infrastruktur ist extrem kapitalintensiv und wird die Systemkosten absehbar auf einem hohen Niveau halten.
Sieben Empfehlungen für die Gasstrategie
Kern des Gutachtens ist die strategische Neujustierung der europäischen Gasversorgung, aus der die Autoren folgende sieben Handlungsempfehlungen ableiten:
- Langfristige, aber flexible Gasverträge absichern.
- Lieferwege, Vertragsformen und Preismechanismen breiter streuen, statt nur Lieferländer zu diversifizieren.
- Eine stärkere europäische Eigenproduktion ergebnisoffen prüfen – das bedeutet konkret: ideologische Denkverbote abbauen und auch unpopuläre Optionen wie die heimische Schiefergasförderung (Fracking) oder neue Gasbohrungen in der Nordsee sachlich evaluieren, statt lediglich teures Fracking-Gas aus Übersee zu importieren.
- Bei Wasserstoff technologieoffen bleiben und auch blauen Wasserstoff sowie Biomethan als Übergangsoptionen mitdenken.
- Gas-, Wasserstoff- und CO₂-Infrastruktur gemeinsam planen, um spätere Umnutzungen zu ermöglichen.
- Gasbeschaffung und Speicherung europäisch koordinieren, damit sich EU-Länder nicht gegenseitig die Preise hochtreiben.
- Einen verlässlichen, technologieoffenen Regulierungsrahmen schaffen, der langfristige Klimaziele vorgibt, ohne verfrüht auf einen einzigen Technologiepfad festzulegen.
Fazit
- Eine erfolgreiche Transformation erfordert mehr Realismus: Der Ausbau der Erneuerbaren muss unvermindert weitergehen, aber parallel brauchen wir eine langfristig gesicherte, diversifizierte Gas- und Wasserstoffinfrastruktur.
- Wunschdenken produziert am Ende vor allem eines: steigende Kosten und den Verlust gesellschaftlicher Akzeptanz.
