COVID-19 und AstraZeneca: Wie der Vektorimpfstoff seltene VITT-Thrombosen auslösen konnte. Blog#255

Ein aktueller Fachartikel im New England Journal of Medicine (NEJM, Februar 2026) liefert eine schlüssige molekulare Erklärung dafür, wie der AstraZeneca-Impfstoff in seltenen Fällen eine schwerwiegende Nebenwirkung, die sogenannte VITT (vakzininduzierte immunthrombotische Thrombozytopenie) auslösen konnte – eine Kombination aus Blutgerinnselbildung und Abfall der Blutplättchenzahl. 

Die neuen Erkenntnisse zeigen, wie genetische Veranlagung und eine zufällige Fehlsteuerung bei der Antikörperreifung zusammen eine fehlgeleitete Immunreaktion begünstigen können. Dieses Verständnis hilft, frühere Impfstrategien heute präziser einzuordnen – und es liefert wichtige Hinweise für die Entwicklung künftiger, sichererer Impfstoffplattformen.

Rückblick auf die Impfkampagne

Während der COVID-19-Pandemie spielte der AstraZeneca-Vektorimpfstoff, der ein harmlos gemachtes Schimpansen-Adenovirus (ChAdOx1) als Transporter nutzt, um Körperzellen kurzzeitig die Bauanleitung für das SARS-CoV-2-Spikeprotein zu liefern, eine zentrale, aber auch umstrittene Rolle. Die Technologie schützte Millionen Menschen, führte in sehr seltenen Fällen jedoch zu schweren Komplikationen. Mit den neuen Daten aus dem NEJM schließt sich nun die letzte große Wissenslücke über den biologischen Mechanismus hinter VITT. 

mRNA-Impfstoffe wie die von BioNTech/Pfizer und Moderna funktionieren dabei grundsätzlich anders und sind von dieser Problematik nicht betroffen.

Das Phänomen VITT: Definition und Häufigkeit

VITT steht für Vaccine-Induced Immune Thrombotic Thrombocytopenia – eine seltene Reaktion, bei der Blutgerinnsel (Thrombosen) entstehen, während gleichzeitig ein Mangel an Blutplättchen (Thrombozytopenie) auftritt. Laut Schätzungen trat VITT bei etwa einer von 200.000 Geimpften auf. In Europa wurden rund 900 Fälle gemeldet, etwa 200 davon verliefen tödlich. 

In Deutschland wurden bis Ende 2021 insgesamt rund 12,7 Millionen Impfungen mit AstraZeneca (Vaxzevria) durchgeführt. Nach Angaben des Paul-Ehrlich-Instituts lag die Zahl der gemeldeten schwerwiegenden Verdachtsfälle in Deutschland bei etwa 0,2 bis 0,3 pro 1.000 Dosen. Dank schnellerer Diagnostik und Behandlung sank die Sterblichkeit im Laufe des Jahres 2021 deutlich.

Molekulare Ursache: die Rolle von Protein VII

Im Mittelpunkt der neuen Erklärung steht das adenovirale Kernprotein VII (pVII). Dieses Protein hilft dem Virus normalerweise, sein Erbgut im Zellkern zu organisieren, weist aber eine auffallende strukturelle Ähnlichkeit mit dem menschlichen Plättchenfaktor 4 (PF4) auf – einem zentralen Eiweiß der Blutgerinnung. Diese molekulare Mimikry führt dazu, dass das Immunsystem unter bestimmten Umständen körpereigenes PF4 fälschlich als "fremd" erkennt. Beide Proteine sind spiralig aufgebaut und stark positiv geladen, was diese Verwechslung begünstigt.

Genetische Veranlagung, Zufall und Vorinfektionen: Warum VITT so selten blieb

Die neuen Daten machen verständlich, warum VITT trotz Millionen Impfungen nur extrem selten auftrat: Es muss eine ganze Kette von Ereignissen zusammenkommen:

  1. Vorinfektion praegt einzelne B‑Zellen - Die Forscher vermuten: Betroffene hatten frueher schon Kontakt mit einem Adenovirus (eine typische Erkaeltungs-/Infektionsgruppe). Dadurch wurden einzelne B‑Zellen im Immunsystem "vorgepraegt" – sie konnten das adenovirale Kernprotein pVII grundsaetzlich wiedererkennen.
  2. Der Impfstoff aktiviert diese Zellen - Kommt dann der AstraZeneca‑Vektorimpfstoff, trifft er auf genau diese vorgepraegten B‑Zellen und aktiviert sie. Das Immunsystem startet daraufhin die normale Reifung der Antikoerper: Es entstehen viele Varianten, und die am besten passenden setzen sich durch.
  3. Genetische Veranlagung erhoeht die Wahrscheinlichkeit fuer genau diese Antikoerperlinie - Ein Teil der Menschen traegt bestimmte Varianten eines Antikoerper‑Gens (IGLV3-21*02 oder *03). Das ist nichts Krankhaftes, kann aber beguenstigen, dass eine Antikoerper‑Familie entsteht, die pVII/PF4 besonders gut erkennt bzw. bindet. In Europa ist diese Variante haeufig (grobe Groessenordnung 40–60 %), in Ostasien seltener (etwa 20 %).
  4. Eine sehr seltene Variante in der Antikoerper‑Reifung - Bei der Antikoerper‑Reifung (somatische Hypermutation) entstehen absichtlich viele kleine Aenderungen – normalerweise ein Vorteil. In sehr wenigen Faellen entsteht jedoch genau die unguenstige Variante: An Position 31 kommt es zur K31E‑Mutation. Dabei wird ein positiv geladener Baustein durch einen negativ geladenen ersetzt.

Diese Variante kann PF4 stark binden – und die Reaktionskette beginnt: Durch diese "Umpolung" haftet der Antikoerper sehr stark an den koerpereigenen Plaettchenfaktor 4 (PF4). Das kann die Blutplaettchen fehlaktivieren: Es bilden sich Gerinnsel, waehrend die Plaettchen gleichzeitig verbraucht werden. Das ist der Kernmechanismus von VITT.

Kurz gesagt: Fruehere Adenovirus‑Infektion (Vorpraegung) + Impfstoff‑Trigger + genetischer Hintergrund + extrem seltene Mutationsvariante → VITT.

Regulatorische Entscheidungen

Aufgrund dieser Risiken änderten viele Staaten im Frühjahr 2021 ihre Impfempfehlungen. In Deutschland empfahl die Ständige Impfkommission (STIKO) den Einsatz von AstraZeneca nur noch bei Personen über 60, da dort der Nutzen das Risiko deutlich überstieg. Dänemark und Norwegen stellten die Impfungen vollständig ein, nachdem ausreichend mRNA-Vakzine verfügbar waren.  

In den USA erhielt der Impfstoff nie eine Zulassung, weil die FDA verschiedene Sicherheits- und Wirksamkeitsnachweise verlangte. AstraZeneca zog im Mai 2024 schließlich alle weltweiten Zulassungen zurück, offiziell wegen der geringen Nachfrage nach aktualisierten Varianten.

Fazit

  • Die Erkenntnisse aus der VITT-Forschung sind ein wichtiger Schritt für die künftige Impfstoffentwicklung. Da das verantwortliche Epitop auf Protein VII nun exakt bekannt ist, lassen sich künftige Vektorimpfstoffe gezielt so gestalten, dass keine Kreuzreaktion mit PF4 entstehen sollte – ein Vorgehen nach dem Prinzip "Safe by Design".  
  • Adenovirus-basierte Impfstoffe bleiben wegen ihrer Stabilität, günstigen Herstellung und einfachen Lagerung relevant – insbesondere für Länder mit begrenzten Ressourcen. 

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Verantwortlicher: Klaus Rudolf; Kommentare und Fragen bitte an: rudolfklausblog@gmail.com

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