GLP-1-Gentherapie statt Abnehmspritze: Wie die Bauchspeicheldrüse zur Hormonfabrik gegen Adipositas wird. Blog#252
Das Paradoxon der modernen Abnehmmedizin
Es ist ein bemerkenswerter Widerspruch unserer Zeit: Wir verfügen heute über hocheffektive Wirkstoffe wie Semaglutid oder Tirzepatid – die sogenannten Abnehmspritzen –, die eine neue Ära in der Behandlung von Übergewicht eingeleitet haben. Dennoch breitet sich die Adipositas-Epidemie fast ungebremst aus.Die enorme finanzielle und gesellschaftliche Last
Die volkswirtschaftlichen Folgen dieser Entwicklung sind immens. Für Deutschland werden die jährlichen Gesamtkosten von Adipositas und Übergewicht auf etwa 113 Milliarden Euro geschätzt (LINK) – das entspricht dem Dreifachen der jährlichen Bürgergeld-Ausgaben oder dem 1,5-fachen des gesamten jährlichen Budgets der Bundeswehr! Diese Kosten entstehen nicht nur durch die Behandlung im Gesundheitssystem, sondern auch durch verminderte Bildungs- und Berufschancen sowie Begleiterkrankungen wie Herzinfarkte oder Schlaganfälle.Bisherige Strategien setzen zu Recht stark auf Prävention – etwa durch mehr Bewegung, ein gesünderes Alltagsumfeld oder Maßnahmen wie Steuern auf zuckerhaltige Getränke. Prävention ist für künftige Generationen entscheidend, aber die heute Betroffenen brauchen zusätzlich wirksame Therapien. Teure Medikamente über Jahre oder lebenslang zu geben, ist für viele Patienten und das Gesundheitssystem langfristig schwer zu finanzieren. Eine einmalige genetische Intervention könnte hier eine Alternative sein.
Der revolutionäre Ansatz: Das Pankreas (die Bauchspeicheldrüse) als eigene Hormon-Fabrik
Wie könnte diese Gentherapie konkret aussehen? Die Grundidee ist einfach: Der Körper soll therapeutische Mengen GLP-1 selbst produzieren, statt dass man sie von außen zuführt.
Das US-Unternehmen Fractyl Health arbeitet bereits intensiv an dieser Vision – mit der sogenannten Rejuva-Plattform.
Der technische Kniff ist schnell erklärt: Als Vektor dienen Adeno-assoziierte Viren vom Typ 9 (AAV9), die eine Genkassette gezielt in die Betazellen der Bauchspeicheldrüse bringen. Weil Betazellen langlebig sind, kann die Expression prinzipiell langfristig stabil sein.Das ist bewusst so gewählt: Natürlich wird GLP-1 nach dem Essen vor allem im Darm durch Nährstoffe freigesetzt; seine insulinsteigernde Wirkung ist aber glukoseabhängig, also besonders dann relevant, wenn der Blutzucker erhöht ist. Im Gentherapie-Design dient der Blutzucker daher als Sicherheits- und Bedarfssignal: Steigt er, wird mehr GLP-1 produziert, sinkt er, geht die Produktion zurück. Im Gegensatz dazu führen injizierte Abnehmspritzen oft zu einem „Sägezahnprofil“ mit wiederkehrenden Spitzen kurz nach der Gabe und einem allmählichen Abfall bis zur nächsten Injektion.
Praktisch bedeutet das: GLP-1 wird nur dann produziert, wenn der Promotor in der Betazelle aktiv ist – die Ausschüttung folgt damit dem aktuellen Bedarf. Da das Hormon lokal im Pankreas entsteht, könnten die Konzentrationen im übrigen Körper niedriger ausfallen als bei einer systemischen Gabe von GLP-1-Rezeptoragonisten; das könnte die Verträglichkeit verbessern. Ob sich dieser potenzielle Vorteil beim Menschen bestätigt, soll eine für 2026 geplante Phase-1/2-Studie untersuchen.
Erste Daten: Beeindruckende Ergebnisse im Tiermodell
Erste vorläufige Daten aus Vorstudien an Mäusen sind vielversprechend und deuten auf ein relevantes therapeutisches Potenzial hin. Eine einmalige Gabe der GLP-1-kodierenden Gentherapie senkte den Nüchternblutzucker um bis zu 50 % und führte innerhalb von vier Wochen zu einem Gewichtsverlust von etwa 11 % – ohne wiederholte Injektionen.Die Kehrseite: Einmal injiziert, schwer revidierbar
Trotz der Euphorie gibt es berechtigte Vorbehalte. Ein zentrales Problem ist die geringe Reversibilität: Eine wöchentliche Spritze kann man jederzeit absetzen; innerhalb weniger Wochen ist der Wirkstoff aus dem menschlichen Körper entfernt. Eine AAV-basierte Gentherapie hingegen ist nach heutigem Stand dauerhaft oder zumindest sehr langfristig wirksam. Treten seltene Nebenwirkungen erst Jahre später auf, lässt sich die Expression nicht einfach „abschalten“. Deshalb wird intensiv an Sicherheitsmechanismen wie Antidoten oder Stopp-Schaltern gearbeitet, um die Therapie im Notfall kontrollieren zu können.Hinzu kommen noch praktische Hürden: Viele Menschen haben bereits vorab neutralisierende Antikörper gegen AAV9 („preexisting immunity“), was die Aufnahme des Vektors und damit die Wirksamkeit dämpfen kann. Außerdem kann eine Immunantwort eine erneute Gabe erschweren oder unmöglich machen. Für eine Volkskrankheit sind auch Herstellung, Qualitätskontrolle und Kosten kritisch – ebenso die Frage der Erstattung. Und schließlich braucht es eine verlässliche Langzeitbeobachtung, um zu verstehen, wie stabil und wie gut steuerbar die Expression bei unterschiedlichen Patienten über Jahre tatsächlich ist.
Als Alternative werden nicht-virale Systeme wie Lipid-Nanopartikel (LNPs) erforscht. Sie umgehen die typischen AAV-spezifischen Antikörperprobleme und lassen sich grundsätzlich auch wiederholt dosieren, wirken aber meist kürzer und erfordern daher häufiger eine erneute Gabe.
Regulatorische und rechtliche Hürden in Deutschland
In Deutschland gibt es zusätzlich eine juristische Hürde: § 34 Abs. 1 SGB V regelt, welche Arzneimittel die gesetzliche Krankenversicherung nicht erstatten darf. Medikamente, die vor allem zum Abnehmen dienen, werden deshalb meist nicht bezahlt; Ausnahmen sind möglich, wenn ein anderer erstattungsfähiger medizinischer Grund im Vordergrund steht. Das erschwert vielen Betroffenen den Zugang zu modernen Adipositas-Therapien.Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina hat daher wiederholt eine Anpassung der Regelung gefordert. Eine Reform könnte den Zugang zu wirksamen Therapien verbessern und langfristig auch Folgekosten im Gesundheitssystem reduzieren.